Ich beginne meine Gedanken gerne chronologisch, damit eine gewisse Ordnung entsteht und das Lesen nicht verwirrt. Aber heute will ich gar nicht so weit in die Vergangenheit reisen. Gar nicht wirklich genauer darauf eingehen, dass mir die Idee kam und ich danach etwa 1,5 Jahre an diesem Projekt, aus dem ein ganzes – echtes – Kinderbuch wurde, saß.

Ich beginne heute in meinem Mamasein. Eine Zeit, die viele Kräfte aus dem Körper saugt und zeitgleich eine Metapher der Wiedergeburt in sich trägt. Das Verrückte an dieser Zeit, das ich gar nicht richtig benennen kann, ist wohl der simpelste Moment: auf dem Boden im Kinderzimmer, auf einem flauschigen Teppich zwischen Brio-Zügen und Holzgleisen. Wenn man den Kopf nur weit genug senkt, etwa auf Augenhöhe der Kinder, die mit diesen Zügen spielen, dann erscheint die Welt, die sie sehen, und diese Welt, ja, für mich ist sie magisch. Auch wenn ich vor Müdigkeit einschlafen könnte, so erlaubt es dir (oder zwingt dich regelrecht dazu), die Welt endlich aus Kinderaugen zu sehen.
Etwas, das wir in der Zeit vor den Kindern beinahe komplett vergaßen.
Ich hörte sie schon ab und zu, die Stimme meines 7-jährigen Ichs mit ihrem Lieblingsbuch über einen Oktopus im Meer, das fasziniert von Buchstaben und der Tatsache, dass die richtige Anreihung einiger von ihnen eine neue Bedeutung in sich tragen konnte, sagen: Ich werde das auch mal machen. Ich werde auch ein Buch schreiben. Und sie vergaß in ihrem Spiel diesen kurzen Traum.
Kam sie doch wieder mit 12 oder 13, als sie erfuhr, dass der jüngste Autor in Deutschland etwa gleich alt gewesen sein muss, und kam zu dem Entschluss, dass auch sie es schaffen könnte und dafür nur noch wenige Monate Zeit hatte, um die Jüngste genannt zu werden, und doch vergaß sie wieder, weil das Leben dazwischenkam.
Und mit 18 und mit 22, da kam sie immer mal wieder, aber was nur hätte dieses Buch sein können?
Und vergaß, vergaß zwischen Studium und Lebensunterhalt und Wehen und Kreißsälen, bis eine kleine Stimme sie wieder daran erinnerte. Sie kam in Form eines 3-Jährigen, der nun vor ihr saß und mit seinen Zügen spielte. Und sie, mit ihrem Oktopus-Buch in der Hand, und er, mit seinem Traum, eine rosa Moschee zu sehen, unterhielten sich einige stille Nächte.
Ja, die Reise war es wert zu gehen.
1,5 Jahre Lebenszeit und der Drang, das Illustrieren nun endlich richtig zu lernen und herauszufinden, wie Illustrationen im Programm im selben Ordner abgespeichert werden müssen, ohne ihren Platz zu wechseln, damit die Datei nicht verpixelt, und nicht zu verstehen, wie ein Buchrücken bedruckt werden soll, warum keine Verlage Interesse an ihrem Manuskript haben und woher zur Hölle ein vierstelliger Betrag gefunden wird, um Druckkosten zu tragen, oder, wenn das durch ist, wo 1000 Bücher gelagert werden, wie sie überhaupt physisch vom Endkunden bestellt werden sollen oder die ständige Sorge, dass es keine 1000 Menschen da draußen gibt, die Interesse an einem kleinen Traum einer 7-Jährigen haben.
All diese Gedanken (und eine gewisse Menge mehr) waren es wert, diesen Weg zu gehen.
Mein Fazit aus „Es ist es wert, den Weg zu gehen“ ist nicht, dass ich mir damit einen Traum erfülle. Ich glaube, ich hätte mein Leben auch weitere 20 Jahre leben können, ohne ihn erfüllt zu haben. Es geht vielmehr um den Perspektivwechsel, den er geschafft hat. Die Züge auf dem Teppich, die ich nicht sehen konnte, weil die Tage zu lang waren und die Nächte zu kurz. Weil sich das Leben einige Jahre angefühlt hat, als würde es mir aus den Händen gleiten, und das, obwohl das Mamasein eine ganz bewusste Entscheidung war. Eine Rolle, in der ich mich aber plötzlich wiederfand und mich nicht mehr einordnen konnte. Wie ist es möglich, dass man gleichzeitig so erfüllt und absolut verloren ist? Ich hatte lange Zeit keine Antwort auf diese Frage, bis mir bewusst wurde: Es gibt keine Zeit, die perfekter dafür ist, sich einmal komplett selbst zu verlieren und dann wiederzufinden.
Eine Rolle, die mich regelrecht dazu zwang, die Welt aus Kinderaugen zu sehen, und zwar nicht aus den Augen meiner Kinder, sondern aus den Augen meiner Kindheit und der Fantasie, die noch in ihr schlummert. Aus dieser Fantasie, mithilfe der größten Muse, die ich je bekommen durfte, entstand ein kleiner, leiser Traum, der erfüllt wurde.
Und mir wurde, zwischen all den Gedanken, Existenzängsten und Selbstzweifeln klar, dass es keine 1000 Menschen benötigt, um sagen zu können: Ich habe es geschafft.
Es waren die leuchtenden Augen meines Kindes, das stolz Malik seiner Erzieherin zeigte und sagte: „Das bin ich.“
Und dafür bin ich auf ewig dankbar.